Chiengora: Warum du in Hundewolle investieren solltest

Kleidung aus Hundehaar? Der Gedanke daran dürfte für viele zunächst gewöhnungsbedürftig sein. Chiengora, wie die Hundewolle von Ann Cathrin Schönrock und Franziska Uhl genannt wird, ist aber laut den Gründerinnen hochwertiger als Kaschmir und ethisch vertretbarer. Mit dem Start Up Modus Intarsia haben sie sich vorgenommen, die Textilindustrie zu revolutionieren. Ich durfte Ann Cathrin Schönrock und Franziska Uhl ein paar Fragen zu ihrem jungen Unternehmen stellen.

Chiengora Modus Intarsia Start Up Ann Cathrin Schönrock Franziska Uhl Hundewolle Nachhaltige Mode

Was hat es mit den Namen „Chiengora“ und „modus intarsia“ auf sich?

„Le Chien“ ist der Hund auf Französich. -gora leitet sich vom Namen Angora ab. Einfach weil die Strickgarnqualität wirklich so flauschig ist wie Angora.

Ann Cathrin hat schon vor drei Jahren, kurz nach dem Abschluss in Mode- und Strickdesign mit dem Aufbau des Wolle-Sammler-Netzwerkes begonnen.

Ihre Abschlussarbeit hat sie im aufwändigen Strickmaschinen Modus „Intarsia“ gearbeitet.
Intarsien stricken beschreibt eine anspruchsvolle handwerkliche Technik, wobei die unterschiedlichsten Materialien miteinander verbunden werden können um etwas Neues zu kreieren. Da die Ideenfindung und das Projekt von Anfang an sehr interdisziplinär war und es diverse Themen zusammenbringt die etwas Neues, wirklich originales ergeben, passte es einfach.

Wir merken aber immer wieder, dass es von außen, insbesondere für Menschen die nicht das Handwerk stricken beherrschen, schwer zu verstehen ist. Obwohl es doch so schön klingt.

Wir haben schon darüber nachgedacht es einfach in Modus I. Umzubenennen.

Seit wann arbeitet ihr schon an dem Projekt: Wann kam die Idee und wie lange habt ihr geforscht und am Spinnverfahren gearbeitet? 

Hundewolle als Garn von Hand zu verspinnen ist nicht neu, aber die Art und die Hochwertigkeit in der wir es machen ist es durchaus.

Wir haben schnell gelernt, dass der Rohstoff sehr hochwertig ist und viel mehr Potential hat als nur für ein Label verwendet zu werden. Es sind immerhin rund 500 Tonnen, die davon jedes Jahr versehentlich weggeworfen werden. Allein in Europa.

Was wir also neu denken ist die Beschaffung dieses Rohstoffes. Wir sind als einzige in der Lage diesen Rohstoff, der ja nunmal da ist, überhaupt zugänglich zu machen. Das in Mengen, die für die Industrie relevant sein können.

Neben der systemischen Innovation der Rohstoffbeschaffung – entschuldige, wenn ich hier direkt wieder in eine Lyrik eines Businessplans verfalle – gibt es noch die Innovationsebene des Industrie-Garns.

Denn auch wenn Handstrickqualitäten aus Chiengora vom Markt angenommen wurden: Ein Potential von 500 Tonnen im Jahr muss man erstmal verwerten. Da wir möglichst viel von dem Rohstoff vor der Mülltonne retten wollen.

Deswegen suchen wir möglichst viele Labels und Partner in der textilen Kette, welche mit unserem Garn arbeiten wollen.

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Wie viel aufwendiger ist die Produktion des Garns als die von anderen tierischen Garnen?

Die Herausforderung basiert hier tatsächlich auf der Beschaffung des Rohstoffes. Es sind international schon mehrere Patente dafür angemeldet worden, aber keines so wie wir es machen. Da wir überall so Ressourcen-effizient wie möglich handeln wollen, haben wir es auch versucht in dem Spinnprozess so umzusetzen.

Riecht das Material wenn’s nass wird wie „nasser Hund“?

Nein, selbstverständlich nicht. Die hochwertige Faser durchläuft einen natürlichen Reinigungsprozess, wie beispielsweise Kaschmir oder Mohair. Da fragt am Ende auch niemand ob das fertig gestrickte Produkt noch nach Ziege riecht.

Genau hier liegt eine weitere Herausforderung für uns: Die Kundenakzeptanz. Wir haben es in unserer Sozialisation nicht gelernt, dass Wolle die wir am Körper tragen auch vom Hund kommen kann, deswegen scheint es vorerst skurril. Wenn man etwas darüber nachdenkt, ist es aber ganz logisch.

Dazu kommt, dass das Tier Hund in unserer Gesellschaft einen anderen Stellenwert hat. Es kommt sozusagen aus der Mitte unserer Gesellschaft, lebt mit uns, wird teilweise behandelt wie ein Familienmitglied. Wir wissen also viel mehr über das Tier und haben entsprechend mehr Annahmen über die Wolle. Wenn jemand wüsste wie es in einem Ziegenstall stinkt, würden sie vielleicht auch anfangen an teurem Kaschmir zu riechen.

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Ihr möchtet mit Chiengora den Modemarkt revolutionieren. Wenn H&M anklopfen würde, um große Mengen Chiengora abzunehmen – (wie) wäre das machbar?

In der Theorie ist genug der Ressource da um auch H&M zu beliefern. 500 Tonnen, jedes Jahr, ohne dabei ein einziges Tier in die Welt zu setzen! Da die Art der Beschaffung des Rohstoffes aber sehr aufwendig und entsprechend teuer ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass das jemals passieren wird.

Sollte H&M aber zu unseren Konditionen mit unserem Garn arbeiten wollen, warum nicht? Unser Ziel war es von Anfang an einen möglichst großen nachhaltigen und anhaltenden Einfluss zu haben.

Wie sieht der Prozess von Hundebesitzer:in zur Mütze aus?

Jeder einzelne Hundebesitzer da draußen (in Deutschland über 10,1 Mio Hunde) kann potentiell mitmachen. Der Hund braucht dafür nur Unterwolle haben, welche sowieso ausgekämmt werden muss. Das gehört zur täglichen Pflege dazu. Diese ausgekämmte Unterwolle (im Schnitt 800g/Jahr/Tier) wird für gewöhnlich weg geworfen. Wir bitten jeden darum diese Unterwolle zu sammeln und uns kostenfrei zuzusenden. Dafür gibt es sogar eine kleine Aufwandsentschädigung für die Sammler.

Auf unserer Homepage ist das alles aber auch nochmal beschrieben. Dort kann man sich einen Versandschein lösen.
Man kann sich also entweder eine Sonderanfertigung des Garnes bestellen (vom eigenen Hund) oder die Wolle an uns verkaufen.
Hier möchte ich noch einmal betonen, dass wir in erster Linie das Garn produzieren.

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Für eingesandte Wolle zahlt ihr den Hundebesitzer:innen Geld. Gibt es oft Bedenken, dass Menschen diesen Anreiz ausnutzen und Tiere darunter leiden könnten? 

Ja, für diese Hypothese, welche ich auch gleich kommentieren werde, haben wir tatsächlich viel zu kämpfen. Leider ist das aber eine Annahme basierend auf Unwissen. Wenn wir ernsthaft denken würden, das sei realistisch, wären wir schon am Anfang auf dem Weg abgebogen.

Ich nenne jetzt ein paar Argumente, die für uns absolut dagegen spreche, dass es irgendwann einmal zur Ausnutzung von Hunden führen wird:

  1. Garn versponnen aus Hundewolle gab es schon immer. Wenn man damit irgendwie schnell Geld machen könnte, hätte es schon längst jemand getan.
  2. Vor hunderten von Jahren gab es sogar einen Wollhund, der ist aber ausgestorben, da es sich viel mehr gelohnt hat Schafe und Ziegen dafür zu züchten. Warum hat es sich mehr gelohnt? Mehr Wollertrag bei günstigem Futter. Hunde fressen kein Gras zur Ernährung, sondern (zumindest teilweise) Fleisch. Ergo: Zu teuer, es lohnt sich nicht. Das würde sich auch bei hypothetischer Käfighaltung, womit auch gerne argumentiert wird, nicht lohnen.
  3. Haltung der Tiere: Hunde sind keine Herdentiere. Man kann sie nicht in einer so großen Menge halten, dass es sich finanziell lohnen könnte. Wo wir wieder bei der Käfighaltung wären. Das schöne an Chiengora ist, man merkt sofort an der Qualität der eingesendeten Wolle wie es dem Hund geht.
  4. Das bedeutet, wenn der Hund nicht ausgelastet ist oder krank riecht die Wolle besonders. Wenn das Tier Nährstoffmangel hat, merken wir es sofort an der Brüchigkeit der Unterwolle. Wir wissen also wir es den Tieren geht.
  5. Die Auszahlung entspricht wirklich nur einem minimalen Betrag der umgesetzt in Futter vielleicht zwei Monate reichen würde.
  6. Dieses Prinzip setzen wir auf den Living Wage anderer Länder um. Also keine Angst vor Importen, welche wir eh nicht im großen Stil planen.

Letztendlich muss ich auch nochmal sagen, dass wir unsere Organisation nunmal auf dem Fakt aufbauen, dass diese Ressource bereits da ist, kein Tier dafür in die Welt gesetzt werden muss und sie in Mengen bis zu 500 Tonnen jedes Jahr einfach übersehen wird. Das wollen wir ändern, weil wir es uns nicht mehr leisten könne in unserem Zeitalter solche Ressourcen hier zu verschwende und woanders extra zu züchten. Systemfehler.

Wie sieht’s mit Allergien aus: Ist Chiengora auch für Menschen mit Hundehaar-Allergie geeignet?

Was Hundehaar Allergien auslöst sind die Verschmutzungen AUF der Faser (Speichel, Schuppen vom Tier), nicht die Faser an sich. Die Verunreinigungen werden in der Produktion ausgereinigt, deswegen lösen sie auch keine Allergien aus. Dafür können wir natürlich keine Garantie übernehmen, da Allergien sehr individuell sind.

Wie viele Kilo Hundewolle habt ihr bisher eingesammelt?

Auf das Gramm genau weiß ich es nicht, aber ungefähr eine halbe Tonne. Dieses Jahr soll es dann mindestens die erste Tonne werden, die wir zusammen bekommen. Da ist noch viel Potential nach oben. Also bitte alle Hundehalter anhalten mitzumachen und Wolle vor dem Mülleimer zu retten!

Wie viele Hundebesitzer:innen schicken euch regelmäßig Material zu?

Die Zahl derer, die regelmäßig einsenden steigt stetig und wir wissen von Tausenden die gerade aktiv sammeln. Es dauert ja immer bis zu einem Jahr bis wieder eingesendet wird.

Was war eure schrägste Erfahrung oder Begegnung seit der Gründung?

Es ist immer wieder schön, wenn man mit einem Hundehalter telefonieren will, der aber gerade mit den fünf Hunden beim Osteopathen ist. Das schaffe ich noch nichtmal für mich zu organisieren.

Ansonsten haben wir gerade als Gründerinnen oft ernüchternde Erfahrungen, da man als leider wenig ernst genommen wird.

Wie kann man das Projekt unterstützen? Warum ist es so wichtig für die gesamte Modebranche, hier zu supporten?

Wir haben aktuell eine Kampagne laufen, welche den Wert von Chiengora noch einmal schön in einem Video erläutert.

Dort kann man uns mit freien Beiträgen unterstützen und sich natürlich auch ein cooles Dankeschön dafür aussuchen. Wenn man die Sache cool findet, aber noch nichts dabei ist, kann man sich auch einen Gutschein holen und den dann in unserem kommenden online Shop einlösen.

Es ist wichtig uns zu Supporten, da wir in der Lage sind einen Systemfehler der Wolle- und Textilindustrie zu beheben. Wir brechen Regeln. Inspirieren und zeigen neue Wege auf. Das ist radikal und eckt an. Wir wollen deswegen auch auf Investoren verzichten, die uns bisher wirklich immer nur auf die alten Wege der krassen Gewinnmaximierung drängen wollen. Wir können gemeinsam mit euch zeigen, dass es auch anders, fair, natürlich, tierethisch und trotzdem flauschig geht.

Das denke ich auch! Hier könnt ihr das Projekt auf startet unterstützen und euch somit an nichts geringerem als der Revolution der Textilindustrie beteiligen. Danke, Ann Cathrin und Franziska, für eure Zeit und den spannenden Input.

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